Racisme fasciste en Ethiopie…

Aram Mattioli, Asmara, in : Die Zeit, 26/02/2009

 

Aram MATTIOLI

Der Autor ist Historiker und lehrt Zeitgeschichte an der Universit√§t Luzern. Mehr zum Thema in dem Buch ¬ĽArchitektur und St√§dtebau im Italien Mussolinis¬ę, das er zusammen mit dem Innsbrucker Zeithistoriker Gerald Steinacher herausgibt und das im Herbst beim Orell F√ľssli Verlag, Zurich, erscheinen wird.

 

(‚Ķ) Denn tats√§chlich handelt es sich bei Asmara nicht nur um eine jener Planst√§dte des faschistischen Diktators Benito Mussolini, die selbst noch auf afrikanischer Erde von Roms restaurierter Macht und Gr√∂sse k√ľnden sollten. Ihre Errichtung ist auch vor dem Hintergrund des Brutalen Eroberungsfeldzugs gegen das Kaiserreich √Ąthiopien 1935/36 zu sehen: Asmara, der Mittelpunkt der seit 1890 bestehenden italienischen Kolonie Eritrea, bildete die Hauptnachschussbasis f√ľr Roms Kriegsmaschine. Vor allem aber geh√∂rte die auf 2350 Metern √ľber dem Meer gelegene Stadt mit ihrem angenehmen Klima zu den Zentren eines Kolonialregimes, das der schwarzen Mehrheitsbev√∂lkerung eine faschistische Lebensorganisation aufzwingen wollte.

 

Der mit Giftgas und Luftbombardements gef√ľhrte Abessinienkrieg war in eine blutige Besatzungsherrschaft gemundet, die Eritrea, √Ąthiopien und ausgedehnte Landstriche an der Somalik√ľste umfasste; Italien gebot jetzt¬† Libyen und Teile der √Ąg√§is hinzugerechnet¬† √ľber das drittgr√∂sste Kolonialreich der Welt. Unter dem Jubel seiner Landsleute verk√ľndete Mussolini den Italienern am 9. Mai 1936 nichts weniger als die Wiedererrichtung des antiken Imperiums ¬Ľauf den schicksalhaften H√ľgeln Roms¬ę. (‚Ķ)

 

Bis zu 6,5 Millionen Italiener sollen hier einen neuen ¬ĽLebensraum¬ę finden

Doch allem Propagandagedr√∂hn zum Trotz existierten im Fr√ľhsommer 1936 nur wenige Vorgaben f√ľr das italienische Empire Building am Horn von Afrika. Mussolini gab nicht nur einer direct rule unter Ausschluss der alten amharischen Eliten den Vorzug, sondern liess Bald schon ein System der Rassentrennung einf√ľhren. Africa Orientale Italiana sollte zur Siedlungskolonie f√ľr bis zu 6,5 Millio¬≠nen Italiener ausgebaut werden.

 

(‚Ķ) Dass Italienisch Ostafrika ein attraktives Feld f√ľr Architekten mit urbanistischen Ambitionen war, glaubte eine Zeit lang auch Le Corbusier, einer der Bedeutendsten Bauk√ľnstler des 20. Jahrhunderts. Schon nach dem Ersten Weltkrieg hatte er mit dem Plan f√ľr Aufsehen gesorgt, die Innenstadt von Paris abzureissen und die Menschen in 18 Wolkenkratzern unterzubringen¬† gl√ľcklicherweise blieb dieser Bi¬≠zarre Vorschlag Idee. 1934 hatte sich Le Corbusier dann als Baumeister f√ľr die Planstadt Pontinia in den trockengelegten Pontinischen S√ľmpfen bei Rom ins Gespr√§ch gebracht, wiederum erfolglos, da das Regime dieses Prestigeprojekt keinem Ausl√§nder anvertrauen wollte. Immer wieder bem√ľhte er sich, eine Audienz beim ¬ĽDuce¬ę zu erhalten, um diesem seine Visionen zu erl√§utern, darunter einen Plan f√ľr die n√∂rdliche Banlieue von Rom. Beunruhigt √ľber Presseberichte, dass sich die Umgestaltung von Ad¬≠dis Abeba an der kapitalistischen Gartenstadtidee orientieren werde, arbeitete Le Corbusier im Sp√§tsommer 1936 ungefragt einen imperialen Gegenentwurf mit den dazugeh√∂rigen Skizzen aus.

 

¬ĽKolonisation¬ę, schrieb er an den italienischen Botschafter in Brasilien, der den Brief an Mussolini weiterleitete, ¬Ľ muss ein Nachweis von Ordnung, Kraft und modernem Geist sein.¬ę Le Corbusier riet dazu, mit dem traditionellen Gef√ľge von Addis Abeba auch die gewachsene Sozialstruktur der 1886 gegr√ľndeten kaiserlichen Residenzstadt zu zerschlagen. Konkret sah er f√ľr die Kapitale eine Zentralachse vor, welche die Wohnquartiere der Europ√§er strikt von denen der Einheimischen trennte. Folgerichtig enthielt sein Projekt zwei Bahnh√∂fe und zwei Busterminals¬† je einen f√ľr Schwarze und Weise. Selbst im neuen Sportstadion waren zwei getrennte Zonen f√ľr europ√§ische und afrikanische Besucher vorgesehen. Diese auf strenger Apartheid Basierende Grossplanung nahm keinerlei R√ľcksicht auf lokale Gegebenheiten. Dem opportunistischen Avantgardisten ging es einzig darum, Addis Abeba zum repr√§sentativen Machtzentrum von Italienisch Ost¬≠afrika umzugestalten. Zum Gl√ľck f√ľr Le Corbusiers sp√§tere Karriere zeigte ihm der Diktator erneut die kalte Schulter.

 

(‚Ķ) In den piani regolatori ging es l√§ngst nicht nur um Wohnungsbau und neue Gewerbe und Industriezonen an den Stadtr√§ndern. Die Kolonie wurde als gigantisches Testfeld f√ľr die faschistische Zukunftsgesellschaft gesehen, die nach imperialen, milit√§rischen und rassischen Prinzipien aufgebaut werden sollte. Das Regime in Rom pumpte viel Geld nach Ostafrika, um dort, wie der amerikanische Historiker Alexander De Grand feststellte, ein paralleles √úbersee-Italien zu schaffen, von allen Zw√§ngen Befreit. Eine faschistische Idealgesellschaft sollte am Horn von Afrika entstehen, ohne jene Einschr√§nkungen und Kompromisse, wie sie der totalit√§ren Entfaltung des Re¬≠gimes im Mutterland mit seinen kirchenfreundlichen Eliten und seinen staatsskeptischen, viel zu weichherzigen B√ľrgern immer noch entgegenstanden.

 

Die traditionelle Architektur des Landes wird dem Erdboden gleichgemacht.

Die neuen St√§dte des ¬ĽImpero¬ę standen f√ľr Dominanz, Ordnung und Rassentrennung. Daf√ľr mussten das Regierungsviertel und der ¬ĽViale Mussolini¬Ľ samt den faschistischen Repr√§sentationsgeb√§uden stets im Zentrum liegen, in gut sichtbarer Lage. √Ąhnlich wie Le Corbusier sahen die Stadtplaner f√ľr Italiener und Einheimische nicht nur getrennte Wohnviertel und M√§rkte vor, sondern auch nach Rassen getrennte Restaurants, Kinos, Spit√§ler, Kirchen, Bordelle und zuweilen gar getrennte Zufahrtswege zu den verschiedenen Funktionszonen der St√§dte. Fortan hatten die Einheimischen nur sehr Beschr√§nkt Zugang zur City, eigentlich nur als Hausbedienstete und billige Arbeitskr√§fte. Bei der Neugestaltung gingen die italienischen Besatzer r√ľcksichtslos vor. Sie z√∂gerten nicht, ganze Stadtteile abzureissen, genauso wie sie das in Italien nach Bedarf auch taten, etwa um in Brescia die Piazza della Vittoria zu verwirklichen. In Addis Abeba liessen sie ein Quartier mit Tukuls (aus Ton gebauten Strohdachh√§usern), die in konzentrischen Kreisen angeordnet waren, dem Erdboden gleichmachen. Mit der Zerst√∂rung des traditionellen Quartiers wollten sie die √§thiopische Gesellschaftsstruktur in ihrem Kern treffen, Bauten sie die Tukuls doch in einer streng rechtwinkligen und damit besser beherrschbaren Ordnung andernorts wieder auf. Auf diese Weise verloren Tausende von Afrikanern ihre H√§user. Die neuen Tukuls standen in den ¬ĽEingeborenenvierteln¬ę, den citta indigene, die durch Gr√ľng√ľrtel von den Quartieren der Europ√§er abgeschottet wurden. Allein in Addis Abeba sollen 100 000 Menschen von der Ghettoisierung Betroffen gewesen sein, w√§hrend in Mogadischu 60 000, in Asmara 45 000 und in Gondar 18 000 Afrikaner das n√§mliche Schicksal erlitten.

 

(…)  Neben der Regierung in Rom und dem Stadtplaner Vittorio Cafiero (1901 Bis 1981) hatten daran noch viele weitere Architekten und Ingenieure ihren Anteil.

(…)

Allerdings darf dies nicht zu falschen Schl√ľssen verleiten. Die eritreische Kapitale heute als eine ¬Ľmysteri√∂se, leicht zerbr√∂ckelnde Idealstadt der Moderne¬Ľ oder als ein ¬Ľst√§dtebauliches Gesamtkunstwerk zu Beschreiben ist, gelinde gesagt, historisch naiv. Im Tabula rasa St√§dtebau des Faschismus stellten Neust√§dte und umgestaltete centri storici gebaute Allmachtsfantasien dar. Von einer gegl√ľckten ¬ĽFusion moderner europ√§ischer Architektur mit afrikanischer Hochlandkultur¬ę zu fantasieren, wie das in einer Begleitpublikation zur Ausstellung allen Ernstes geschieht, spottet der gr√§usigen Realit√§t. In Asmara ging es nicht um eine Verschmelzung unterschiedlicher Kulturen und schon gar nicht um eine sch√∂pferische Rezeption der europ√§isch gepr√§gten Moderne durch afrikanische Bauk√ľnstler, sondern um ein imperiales, rassistisches Gesellschaftsexperiment, das sich einer modernen Formensprache bediente.

 

So war das elegante, verschwenderisch ausgestattete Cinema Impero am Viale Mussolini fur Schwarze selbstverst√§ndlich verboten. Vergn√ľgen durften sich diese nur im h√§sslichen Zweckbau des Cinema Hamasien in ihrem Ghetto. Hier gab es keinen Glanz der Avantgarde und keine k√ľhne Moderne. Hier gab es weder Wasserversorgung noch Strom in den Wohnungen, noch existierte eine Kanalisation. Die nicht asphaltierten Strassen indes trugen stolze Namen: Viale 3 Ottobre, Viale De Bono, Via 9 Maggio, Corso del Re Imperatore. Sie sollten den Einheimischen ein f√ľr allemal klarmachen, dass sie jetzt ‘ in einem Land lebten, das nicht mehr das ihre war. Die historische Realit√§t zeigt Asmara als eine Hauptstadt der Moderne ganz anderer Art: als stadtgewordenen Rassismus und Nationalismus: ¬ĽBauwerke sind keine autonomen, abstrakten Objekte¬ę, hat der Amerikaner Daniel Liebeskind, der in Berlin das J√ľdische Museum entwarf, unl√§ngst mit Blick auf die entfesselte T√§tigkeit westlicher Stararchitekten f√ľr die Volksrepublik China in Erinnerung gerufen. ¬ĽSie sind Teil des Lebens, Teil eines Kontexts. Wir k√∂nnen das Kolosseum in Rom Bewundern, weil wir es aus dem Kontext der Gladiatorenk√§mpfe l√∂sen, in denen Menschen ermordet wurden. Aber wenn Sie den Kontext mit einbeziehen, denken Sie aber so ein Bauwerk ein wenig anders.¬ę¬†¬†¬† In diesem Sinne sollte die Unesco, die 1979 das KZ Auschwitz zum Weltkulturerbe erkl√§r t hat, As¬≠mara eben nicht nur als einen Ort der Kunst unter ihren Besonderen Schutz stellen¬† sondern auch als I einen Ort des Wahns und des Schreckens.